Ersheimer Kapelle

Die heutige katholische Friedhofskirche St. Nazarius und Celsus, „Ersheimer Kapelle“ bezeichnet, wird 1345 erstmals urkundlich erwähnt. Das Dorf Ersheim selbst wird 773 erstmals als Schenkung an das Kloster Lorsch genannt und wurde mit der Stadtgründung Hirschhorns rasch aufgegeben. Von Ersheim aus betrieb das Kloster Lorsch Landausbau, so dass, wie der Umfang des 1496 im Wormser Synodale genannten Ersheimer Kirchspiels zeigt sowie auch das Lorscher Nazarius-Celsus Patronizium, ein früher Vorgängerbau anzunehmen ist, vielleicht sogar noch in spätkarolingischer Zeit. Die Ersheimer Kirche ist die ursprüngliche Hirschhorner Pfarrkirche. Die Ritter von Hirschhorn förderten ebenfalls die Pfarrei Ersheim, indem sie diese im 14. Jahrhundert zur Präsenz erhoben, in die 5 Pfarreien, deren Rechte sie erworben hatten, inkorporiert wurden (Mückenloch, Bammental-Reilsheim, Schatthausen, Hoffenheim und Eschelbach). Die Pfarreien wurden einer jeweiligen Altarpfründe zugeordnet, aus den Einkünften der Pfarrei und der Präsenz erhielten der Ersheimer Pfarrer sowie die 5 Altaristen ihr Gehalt, zusätzlich wurden davon auch noch die in den inkorporierten Pfarreien wirkenden Vikare bezahlt. Neben der Seelsorge war wichtigste Aufgabe der Ersheimer Geistlichen, zahlreiche Seelenmessen zu lesen, was mit Stiftungen an die Kirche verbunden war. Noch heute zeugen die vielen prächtige Grabsteine von Rittern, Geistlichen und Bürgern in und um die Ersheimer Kapelle von dieser Zeit. Der mittelalterliche Baukomplex mit Kirche, Pfarrhaus und den Altaristenhäusern war sicher recht eindrucksvoll, erhalten hat sich nur die Kirche.

Als die Hirschhorner Ritter 1528 die ersten protestantischen Prediger beriefen und die verbliebenen katholischen Geistlichen anwiesen, „ihr Ampt“ in der Klosterkirche zu halten, wurde die Ersheimer Kirche erste protestantische Stadtkirche, bis sie diese Rolle an die Klosterkirche um 1545 abgab. 1636 verlor sie endgültig diese Funktion, als die Klosterkirche erneut Pfarrkirche wurde. Verblieben ist ihr bis heute ihre Rolle als Friedhofskirche.

1355 erhielt Engelhard I. von Hirschhorn – sein Grabstein befindet sich im Chor der Kirche – vom Wormser Bischof die Erlaubnis, die Kirche, wenn nötig, einzureißen und sie vergrößert und besser ausgestattet wiederaufzubauen. Bei seinem Tode 1361 waren die Baumaßnahmen noch nicht abgeschlossen. 1377 erklärte sein Sohn Hans IV, er habe von seinem Vater für die Kirche bestimmte Güter und Kleinodien nach dessen Wunsch verkauft und davon auch die Kirche zu Ersheim gebaut. Aus dieser Bauphase (um 1355) stammt das Mittelschiff mit seinen prächtigen Fresken (Evangelistensymbole im Gewölbe, in den Schildbogenfenstern in Paaren drei Propheten sowie König David, darunter jeweils 6 Apostel). Im Mittelschiff standen einst die Seitenaltäre. Im Hauptschiff, das um 1464 (Datierung an einer Tür des Westgiebels) und wohl auch um 1517 umgebaut und erweitert wurde, finden sich noch zwei Sammelfreskos mit beliebten Heiligen. 1517 ließen die Brüder Engelhard III, Georg und Philipp von Hirschhorn den Chor mit seinem üppigen Netzgewölbe, das auf figürlichen und ornamentalen Konsolen ruht, errichten. Die Gewölbeschlusssteine an der Decke tragen jeweils die Allianzwappen der Stifter. An einer Konsole hat sich der Baumeister des Chores, wahrscheinlich Lorenz Lechler aus Heidelberg, verewigt. Die Fenster mit ihrem reichen Maßwerk trugen einst kostbare Glasscheiben.1790 und 1816 wurden die erhaltenen Scheiben herausgenommen, nach auswärts verkauft bzw. zur Großherzoglichen Sammlung nach Darmstadt geschickt. Ersheimer Scheiben finden sich heute im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, der Münchner Residenz sowie im Schloss Büdingen. Der neugotische Schrein von 1873 birgt die Figur der thronenden Muttergottes (2. Viertel 15. Jh.), St. Jakobus (um 1500) sowie die Schutzheiligen der Kirche St. Nazarius und Celsus (um 1500). Beim Verlassen der Kirche sollte man rechts an der Wand einen kleinen Sandsteinkopf beachten , nach örtlicher Überlieferung ein Baumeister der Kirche.

Im 17. Jahrhundert geriet die Kirche in Verfall. Im Rahmen der Wiederherstellung wurde der Glockenturm am Westgiebel abgebrochen, das Langhaus erhielt einen neuen Dachstuhl mit seinem charakteristischen Dachreiter. Seine Glocke, 1775 in Köln gegossen, wurde 1942 eingeschmolzen. Die kleine Glocke aus dem Jahr 1949 läutet heute tagsüber mittags und abends den Angelus und dann, wenn ein Toter auf dem Friedhof zur letzten Ruhe getragen wird.

Proteste der Hirschhorner Bürgerschaft verhinderten einen 1818 ausgeschriebenen Abbruch der Kirche, doch erst eine größere Renovation 1873 sicherte den Bestand der Kirche. Der Übernahme der Kirche durch die Diözese Mainz (1956) folgten Renovierungsarbeiten (1958, 1963-67). So wurde eine neue Empore errichtet, die Seitenaltäre entfernt, ebenso die Kanzel, deren Wangen (vielleicht Reste eines gotischen Chorgestühls) als Chorschranken Wiederverwendung fanden; auch wurden die im 19. Jahrhundert übermalten Fresken freigelegt und restauriert und die im Boden der Kirche eingelassenen Grabplatten gehoben. Letzte Maßnahme war die Renovierung des alten gotischen Dachstuhles über dem Chor 2004/5.

An der Kirchenaußenwand fallen die zahlreichen Grabsteine von Hirschhorner Bürgern und Altaristen/Pfarrern auf (14.-17. Jh.).Unter dem Emporenaufgang kam im Jahr 1669 ein spätgotischer Ölberg an die Kirche, der ursprünglich an der Klosterstaffel aufgestellt war. Vor der Kirche haben sich noch 4 (von vermutlich 7) Bildstöcken (1513) erhalten, die einst längs des Weges von der Fähre zur Ersheimer Kapelle standen. Beachtenswert ist auch die 1412 vom Mainzer Domherren Konrad von Hirschhorn gestiftete Totenleuchte, die vor dem 1826/27 abgebrochenen Beinhaus stand. Ihr ewiges Licht, das turnusmäßig von Familien aus der katholischen Kirchengemeinde betreut wird, leuchtet den Lebenden zur Mahnung, den armen Seelen zum Troste.

1678 wurde erstmals die Prozession nach Ersheim eingeführt. In der Folge fanden solche statt am Ostermontag, Pfingstmontag, beim Flurumgang in der Bittwoche, auf Sonntag nach St. Nazarius und Celsus (28.7.) und auf Allerseelen. Wenngleich die Prozessionen heute nicht mehr stattfinden, geblieben ist der feierliche Gottesdienst an diesen Tagen in der altehrwürdigen Kirche.

Die Ersheimer Kirche hat heute noch eine andere Funktion: Sie beherbergt die größte Fortpflanzungskolonie Hessens der größten unserer heimischen Fledermausarten, dem sogenannten Großen Mausohr. Ungefähr 1000 Weibchen ziehen hier über Sommer ihre Jungtiere auf. Naturschutz und Denkmalschutz treffen hier aufeinander und erforderten eine aufwändige Sanierung des alten Dachstuhles. Ein (leider sich wenig einfügender) Dacheinstieg an der Kirchenseite erleichtert die Betreuung der Fledermauskolonie.

Der spätgotische Ölberg an der Ersheimer Kirche ist bedroht und muss aufwändig restauriert werden. Wenn Sie helfen wollen, dieses kunstgeschichtliche Kleinod zu erhalten, können Sie auf folgendes Konto spenden: Sparkasse Starkenburg, BLZ 509 514 69, Konto-Nr. 6001340, Verwendungszweck Ölberg